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BARDO, 03. Aug 2011: Okay, es gab eine sogenannte Spekulationsblase im Jahr 2000, die Dotcom-Blase, da haben viele Firmen und Banken aufs Internet spekuliert. Die Blase ist geplatzt und dadurch herrschte halt ne Finanzkrise. Die FED, also die US-Notenbank hat darauf den Leitzins gesenkt um die Wirtschaft anzukurbeln was zur Folge hatte, dass viele Amerikaner zu ihrer Kleinbank gegangen sind und Hypotheken auf ihr Haus aufgenommen haben. Der Zins wurde dann aber nach zwei Jahren wieder erhöht von den Banken. Die Kleinbank nahm also diese ganzen Hypotheken und Blabla und verkaufte die an die Großbanken weiter und die wandelten dann in Wertpapiere um und damit wurde dann auf der ganzen Welt gehandelt. Als dann die Nachfrage nach diesen Wertpieren immer höher wurde, wurde nach immer mehr Krediten verlangt. Das heißt die Banken suchten dann auch Leute die trotz niedrigem Einkommen einen Kredit nehmen. Dadurch wurden diese Wertpapiere unsicher. Danach kauften die Investoren eben da ein und die Rating-Agenturen bewerteten die Wertpapiere mit Triple-A. Aber als dann die Banken das Geld von den Leuten für die Hypothek sehen wollten hatten die keines vorzuweisen und dadurch brach alles zusammen.
JERRY, 22 Sep 2011: Die heutige Finanzkrise ist entstanden aus der Immobilienkrise 2007 und der Krise davor eigentlich, aber eigentlich ging es darum, dass der Immobilienmarkt in den USA zusammengebrochen ist weil dieses riesige, unüberschaubare Konstrukt an einer Stelle nicht mehr funktioniert hat, in dem nämlich der Häusermarkt, von dem man ausgegangen ist das der immer steigen wird, also das Häuser immer im Wert steigen, zusammengebrochen ist, also dadurch das die Häuser das erste mal gefallen sind, gab es wahnsinnig viele Häuser aber keine Menschen die sie bezahlen konnte, die Verkettung der einzelnen Banken und das Ausfallen der Bank Lehman Brothers führte dann dazu das das gesamte Bankensystem von dem man nicht gedacht hat das es so hart getroffen wird halb zusammengebrochen ist. Liquiditätssperre, das heißt keiner leiht jemandem Geld und keiner kann jemandem Geld leihen. Jeder hat tierisch viele Schulden die er nicht zurückbezahlen kann und das trifft dann auch gleichzeitig jeden anderen Menschen der sich mit Krediten, Aktien, wie auch immer über Wasser hält oder Konten hat auf die er dadurch immer zurück greifen kann. Und das bedeutet im Zusammenhang mit der gesamten Welt, dass viele einzelne Staaten und nicht nur die Banken nicht mehr die Mittel haben. Das heisst eine Wirtschaft bricht deshalb zusammen weil sie nicht mehr floriert…es gibt eine Depression.
JOHANNES, 22 Sep 2011: Also, ähm, ein Mensch in Amerika der äh der Einkommen hat und Vermögen, der bekommt – klaro – eine Hypothek auf sein Haus, dass heißt die Kleinbanken vergeben Hypotheken äh an Leute die Einkommen und Vermögen haben und davon gibt´s natürlich viele Menschen in Amerika. Diese Kleinbanken denken sich oh jetzt haben wir irgendwie diese Hypotheken, es dauert aber viele Jahre bis man Kapital daraus schlagen kann. Sie verkaufen diese weiter für einen guten Preis an die nächst größere Bank, das geht so weiter, diese Hyptoheken – es gibt dann immer mehr davon natürlich – kommen bis an die Wall Street. An der Wall Street ist es dann so das sie umgewandelt werden in handelbare Wertpapiere. Dadurch entsteht ein ..... Also mit diesen Wertpapieren wird gehandelt und in Amerika ist es dann so dass dieser Handel mit diesen Wertpapieren dann so gut läuft oder auch zum Beispiel China oder die Schwellenländer überhaupt auch diese Wertpapiere kaufen und sozusagen immer mehr gefordert werden. Also geht diese Kette zurück bis zu den Kleinbanken, da sagt die Wall Street wir brauchen mehr von diesen Hypotheken, also macht was damit wir mehr von diesen hypothekarisch gesicherten Wertpapiere-Bündeln bekommen. Jetzt bekommen auch Leute Hypotheken die Einkommen haben aber kein Vermögen. Und das geht immer weiter so bis es zum NINA-Darlehen kommt – zu No Income No Asset-Darlehen – das heisst kein Einkommen, kein Vermögen. Also bekommen auch Leute die, ja sozusagen arbeitslos sind 150 000 Dollar oder mehr. So geht der Handel mit diesen Wertpapieren weiter obwohl da auch schlechte Hypotheken drin sind, deren Schulden nicht immer oder eigentlich gar nicht bezahlt werden können. Diese Wertpapierbündel heißen CDO´s und sind versichert über so genannte CDS. Ähm und ähm im Jahre 2007 kam es dann zum ersten mal dazu das die große Bank Lehman Brothers pleite ging, das heisst sie konnten das Geld nicht zurück zahlen.
LISA, 22 Sep 2011: Okay, also…es geht darum das Hypotheken gebündelt werden also das erstmal ein Mensch eine Hypothek auf sein Haus aufnimmt, also einen Kredit aufnimmt, bei einer kleinen Bank. Diese kleine Bank nimmt mehrere Kredite von mehreren Leuten auf, verkauft sie weiter an eine Mittelbank, kriegt Geld von der, ein bisschen mehr, also sie verkauft quasi die Schuld weiter an die mittlere Bank, die mittlere Bank verkauft die weiter an die Wall Street, die das dann bündelt diese Kredite und dann daraus Wertpapiere macht, so dass andere Investmentbanken und Fonds da rein investieren können in diese Wertpapiere, ja weil das nur so funktioniert und die Zinsströme die da sozusagen kommen von den Leuten die ihre Kredite jeden Monat bezahlen, die fließen als Rendite, also das sind die Renditen von den Leuten die da, also die Investmentbanken die da rein investiert haben kriegen die Rendite. Das sind diese Zinsströme der Leute die ihre Kredite bezahlen. Das ist auch gut nur das Problem ist das irgendwann die Nachfrage nach dem Wertpapier zu groß wurde, so dass immer mehr Kredite an Leute die Kreditunwürdig sind verkauft wurden, so dass die Zinsströme irgendwann nicht mehr angekommen sind und das ganze zusammen gebrochen ist. Das wahr sehr verwirrend aber dennoch logisch.
JANET, 22 Sep 2011: Ähm die Finanzkrise hat angefangen mit der Immobilienkrise und die wurde dadurch ausgelöst das NINA-Darlehen vergeben wurden an beispielsweise einem mexikanischen Erdbeerpflücker. Die konnten irgendwann ihre Kredite nicht mehr bezahlen. Inzwischen wurde die hypothekarisch bescherten Wertpapiere von großen Investmentbanken an der Wall Street in CDOs umgewandelt. Die konnten ihre NINA-Darlehen nicht mehr bezahlen, das heißt die Kapitalströme die dort ankamen, blieben aus, damit sie die ganzen Investoren die aus Europa kamen, die sind abgezogen und auf einmal stand die Investmentbank vor riesigen Schulden, die sie an Europa zurückzahlen musste und damit ist dann auch ne Bank wie Lehman Brothers zusammen gebrochen weil der Staat ihnen auch kein Geld geliehen hat weil sie exemplarisch an der Lehman Brothers Bank zeigen wollte das böse Banken nicht einfach immer so durch kommen. Diese haben dabei aber doch übersehen, dass sich der Banken-Markt durch verschieben und vertauschen von Geld, also das tägliche hin- und herschieben von Millionen eingefroren ist. Drei Tage lang war der globale Geldtopf komplett eingefroren und niemand hat sich mehr Geld geliehen. Genau das braucht man aber zum investieren und deswegen ist es eine Finanzkrise geworden, weil nämlich dann die Staaten einspringen mussten um die Banken zu retten, sie mussten auch Geld in die Wirtschaft pumpen weil niemand mehr jemandem Geld leihen wollte. Die Staaten waren aber eh schon hoch verschuldet, zum Beispiel Deutschland mit 83% des Brutto-Inlandsproduktes. Das heißt es ist eine Schulden-Spirale die immer weiter hoch geht und hochverschuldete Staaten müssen die Wirtschaft ankurbeln und dadurch entsteht eine weltweite Finanzkrise und das ist das wo wir jetzt sind.

N I N A
Ein theatraler Versuchsraum
zur Finanzkrise

21. — 23. OKTOBER 2011
P2, UNIVERSITÄT DER KÜNSTE
Karlsruher Str. 25, Berlin

MITWIRKENDE
Bardo Böhlefeld, Janet Rothe, Jeremias Acheampong, Johannes Aue, Lisa Hrdina, Nicolai Despot, Konstantin Küspert, Ingmar Spiller, Johannes Ammler

DOKUMENTATION
Reader N I N A

Begleitend ist der Reader zur Finanzkrise entstanden welcher den Probenprozess dokumentiert und umfassende Essays zur Aufklärung über die Thematik enthält.

MEDIEN
unterschiedliche Printmedien (Plakat, Flyer, Infobroschüre, Reader) Bühnenbild und Installationen

Wir sitzen hier, in der relativen Sicherheit der unteren oberen Mittelklasse, sehen die großen Bankhäuser taumeln und fallen, Politiker in verschiedenen Sprachen mit den immer gleichen ernsten Gesichtern von einer schwierigen, aber beherrschbaren Situation sprechen und Dirk Müller – der zuerst immer unter der großen Kurstafel an der Frankfurter Börse saß und nun bei Markus Lanz – bedeutungsschwanger sein Haupt mit dem hübschen grauen Bärtchen schütteln. Aber was, um Himmels willen, passiert da? Was bedeutet Rettungsschirm, Credit Debt Obligation, was macht die Fed und was hat die Dotcom-Blase damit zu tun? Alles Fragen, die sowohl im klassischen geisteswissenschaftlichen Studium als auch in der Schauspielausbildung unbegreiflicherweise keinen Platz finden. Und die auch wir nicht beantworten wollten. Wir, das Labor für zeitgenössische Darstellungstechnik, LzDt, Studenten verschiedener Studiengänge der UdK; wir also wollten uns einfach der Materie nähern, wollten uns aneignen, was uns allen mit unseren neoliberalen Künstlerbiografien erst mal fremd ist, bei uns reflexartig eine Mischung aus Ablehnung und Müdigkeit auslöst, und noch dazu sehr langweilig klingt – aber offenbar das Wesen unserer Gesellschaftsordnung ausmacht. Wir haben uns informiert. Input aus wissenschaftlichen und polemischen Quellen, aus Sicht der Regierungen, der Banken, der Globalisierungskritiker, von Wirtschaftsweisen und Bloggern. Wir haben uns gefragt: Wie kann man diese Menge an Informationen, aus unzähligen Beiträgen verschiedenster Medien, filtern, kanalisieren, für sich selbst verständlich aufbereiten und schließlich kommunizieren? Und wie kann man eine szenische Lösung finden, mit Mitteln der Kunst erlebbar machen was scheinbar nicht weniger mit Kunst zu tun haben könnte?

Die Antwort lautet: Tapeten. Natürlich auch Monate der Vorbereitung, des Lesens und Weiterempfehlens, Wochen theoretischer Gespräche am großen Tisch, bei dem jeder auf denselben Stand (etwa erstes Semester VWL) gebracht wird, weitere Wochen szenischer Proben, alles mit den üblichen, verbundenen Widrigkeiten – Krankheiten, dem Abbruch von Teilnehmern, Terminkonflikte (wir haben immerhin Ferien!) – schließlich auch Consulting durch echte Wirtschaftsleute. Aber vor allem: Tapeten. Was wir gemacht haben, war vor allem ein Versuch, ein Ausprobieren neuer Verfahren der Aneignung von Inhalten und der szenischen Umsetzung derselben. Mündige, gebildete Schauspieler, der Probenprozess nicht als Fließband, nicht als Nacheinander der Phasen Recherche --> Schreiben --> Inszenieren --> Spielen, sondern als simultaner Dialog, als permanenter Austausch der Beteiligten untereinander. Dem Laborcharakter folgend wollten wir nicht einen bestimmten Ausgang, ein bestimmtes, vorher geplantes Ergebnis, sondern sind mit jedem Resultat zufrieden. Der erste Satz dieses Editorials ist darum eigentlich irreführend: wir haben nichts über die Finanzkrise gemacht. Wir haben etwas darüber gemacht, wie sich Kunststudenten dem komplizierten Sachverhalt „Finanzkrise 2011“ nähern können.